· 

PREYER: Moser-Sollmann: „Ich denke und schreibe in Gesamtwerken“

„Wo aber Metaphysik, Götter, Kultur und Geist verneint werden, ist alles Leben langweilig.“

 

Der in Lienz geborene Kulturwissenschafter Dr. Christian Moser-Sollmann reüssiert gerade mit seinem vierten – bei Milena erschienenen – Roman „Noble Lügen“, der erst unlängst von Ö1 zum Buch des Monats gekürt wurde.

Im Gespräch mit Kurs-Ost-West sagt er: „Erst durch die Lektüre des Chilenischen Nachtstückes von Roberto Bolaño habe ich die einzigartige Mischung von Selbstüberschätzung und Hoffart zeitgenössischer Politiker wie Annalena Baerbock nachvollziehen können.“

An Greta Thunberg kritisiert er deren „eschatologische Untergangsfantasien“ und ihren „eliminatorischen Antisemitismus“.

Zuversicht gibt ihm jedenfalls die Abwahl Baerbocks und Habecks in Deutschland: Endlich können – nach einer Wiederherstellung des Bildungswesens – die Schätze der europäischen Tradition wieder geborgen werden.

 

„Ich baue eine dorisch-attische Welt für meinen Sohn.“

 

„Ich habe früher nie verstanden, wo diese absurde Mischung von moralischer Selbstüberhöhung, der Verwechslung von Moral und Politik und der Häresie von Faktenignoranz herrührt.“

 

„Niemals sollte man ungefragt Rat geben.“

 

„Überaffirmation und Ironie sind aber Sackgassen in der Popkultur.“

 

Mit Scruton: „Wenn alles, was die westliche Zivilisation anbietet, Freiheit ist, dann ist sie eine Zivilisation, die auf ihre eigene Zerstörung ausgerichtet ist.“

Zu Noble Lügen: Warum ist Österreichs Politik, Journalismus, Wissenschaft usw. so untereinander verhabert?

 

Ich sehe weniger ein Problem der Verhaberung – als vielmehr das Problem eines Niveauverlusts. Durch die Absenkung des Leistungsniveaus an den Schulen und Universitäten ist unsere Gesellschaft heute mit einer Flut ungebildeter Absolventen konfrontiert, die nicht mehr zwischen Meinung, Wahrnehmung, Fakten und Episteme zu unterscheiden gelernt haben.

Die Herrschaft der Meinung und die Herrschaft des Verdachts haben in der öffentlichen Debatte die ergebnisoffene Suche nach Wahrheit und das Streben nach dem Gemeinwohl ersetzt. Die Wissenschaft begnügt sich heute in weiten Teilen mit empirisch abgesicherten Einzelfallstudien, wagt sich aber leider kaum mehr an große Theorieentwürfe. Es gibt auch leider kaum mehr anregende Schulen, wie beispielsweise früher die Tübinger Schule.

 

Zum Journalismus

Im Journalismus haben wir das Problem der wegfallenden Finanzierung. Inseratenetats werden von den klassischen Medien zu den Monopolisten des Silicon Valley umgeleitet – mit fatalen Folgen für die öffentlichen Debatten. Die mit ihrem Bedeutungsverlust kämpfenden klassischen Medien reagieren darauf mit einer fatalen Mischung aus Skandalisierung, Aufmerksamkeitsökonomie und Leserunterforderung.

Zweitens verwechseln einige Journalisten leider aktuell ihre Funktion: sie gefallen sich lieber in der Rolle des Meinungsmachers als jener des objektiven Berichterstatters. Manche gerieren sich als Volkserzieher, manche haben den Anspruch, die Gesellschaft aktiv in ihrem Sinne zu gestalten und zu formen. Ich muss keine Beispiele nennen, damit jeder Leser sofort weiß, von welchen Journalistendarstellern die Rede ist. 

Auch wenn es unkonventionell erscheinen mag, halte ich das Feld des Politischen – mit Ausnahme des Populismus und der NGO-Industrie – für resilient und voll funktionsfähig. Die Politik als Kunst des Machbaren, als Suche nach dem Ausgleich von Interessen und als Fähigkeit, Kompromisse zu schließen, funktioniert augenscheinlich gut, wie das aktuelle Regierungsprogramm dreier unterschiedlicher, aber konstruktiver Partner zeigt. 

 

Wo siehst Du den roten Faden, der Deine Romane durchzieht?

Ich denke und schreibe in Gesamtwerken und möchte befindlichkeitsfreie Literatur schreiben, die Kunst und Unterhaltung miteinander verbindet. Meine Werke sind moralfrei, fühlen sich aber der Künstlermoral Gottfried Benns verpflichtet: „Nur in Worten darfst du dich zeigen, die klar in Formen stehen, sein Menschliches muss verschweigen, wer so mit Qualen versehen. Du musst dich selber verzehren – gib acht, dass es niemand sieht, und lass es keinen beschweren, was dir so dunkel geschieht. Du trägst deine eigenen Sünden, du trägst dein eigenes Blut, du darfst nur dir selber verkünden, auf wem dein Sterbliches ruht.“

 

Angenommen, ein junger Mensch möchte Ernst Jünger entdecken: Mit welchem Buch sollte er einsteigen

Diese Frage kann ich nicht sinnvoll beantworten, da ich das Werk Jüngers viel zu wenig kenne. Ich gehöre zum Team Gottfried Benn und baue eine dorisch-attische Welt für meinen Sohn. 

 

Wie gefällt Dir der chilenische Autor Roberto Bolaño?

Erst durch die Lektüre des Chilenischen Nachtstückes habe ich die einzigartige Mischung von Selbstüberschätzung und Hoffart zeitgenössischer Politiker wie Annalena Baerbock nachvollziehen können. Ich habe früher nie verstanden, wo diese absurde Mischung von moralischer Selbstüberhöhung, der Verwechslung von Moral und Politik und der Häresie von Faktenignoranz herrührt. Wer die rational und mit hermeneutischen Methoden kaum nachvollziehbaren Wortmeldungen von Lady Bacon of Hope besser verstehen möchte, wird die Lektüre von Bolanos chilenischem Meisterstück bereichernd finden. Noch am Totenbett ist der chilenische Pater wie der handelsübliche Progressive unfähig, seine Fehler zu erkennen. Starrköpfig hält der Gottesmann wider besseres Wissen aus Bequemlichkeit an seinen Lebenslügen fest.

 

 

POLITIK/ACADEMIA

 

Warum hat „die Politikberatung“ so einen schlechten Ruf?

Ich finde nicht, dass Politikberatung einen schlechten Ruf hat, wenn man darunter nicht irgendwelche amerikanischen Plattitüden und Framing-Rezepte versteht, sondern darunter versteht, was Platon mit dem Begriff gemeint hat: Man sollte nur jene beraten, bei denen man sicher sein kann, dass sie den Rat für eine gute Sache einsetzen werden. Die politische Beratung im Sinne Platon ist keine wertneutrale Vermittlung von Machttechniken.

Vielmehr geht es darum, jene, die Rat haben wollen, dabei zu unterstützen, unter den gegebenen politischen und gesellschaftlichen Umständen vernünftige und gemeinwohlorientierte Ziele zu verfolgen. Niemals sollte man ungefragt Rat geben. Dieser Grundsatz sollte vor allem von vermeintlichen Expertinnen in Funk und Fernsehen beherzigt werden. Der Ratsuchende soll selbst einen Mangel empfinden, den zu beheben, er genau jenem zutraut, an den er sich wendet. Die Wahl des Ratgebers bezeugt also, was der Ratsuchende tatsächlich sucht. Wenn man sich als Ratgeber aufdrängt, antwortet man vielleicht auf ein Bedürfnis, das gar nicht vorhanden ist. Gerade als Philosoph sah sich Platon offenbar verpflichtet, nur dem zur Seite zu stehen, der auch tatsächlich das haben wollte, was ihn als Philosophen auszeichnete: eine unverbrüchliche Ausrichtung an der Wahrheitssuche und ein Streben nach Gerechtigkeit, dem alles andere unterzuordnen ist. 

 

Wie verdorben ist die akademische Welt eigentlich?

Diese Frage lässt sich nur mit einem Blick auf das zugrundeliegende Wissenschaftsverständnis der Forschenden beantworten. 

Es gibt grob gesprochen zwei Arten von Wissenschaft, einer kritischen und einer administrativen (also von kommerziellen Auftraggeberinteressen geprägten) Forschung, wie sie von Paul Lazarsfeld entwickelt wurde.

Im Unterschied zu den positiven Wissenschaften, welche ausschließlich „Aussagen über das Seiende und nie über das Sein“ tätigen, vollzieht kritische Wissenschaft „diesen Unterschied und gewinnt mit ihm als Thema nicht Seiendes, sondern das Sein des Seienden“, wie Martin Heidegger schrieb.

Bei den positiven Wissenschaften liegen Gegenstand und Thema immer schon vor, weshalb Heidegger positive Wissenschaften als Wissenschaft vom Seienden begreift. Im Unterschied dazu ist kritische Wissenschaft „nicht positiv, weil ihr der Gegenstand nicht vorgegeben ist, sondern erst entdeckt werden muss. Entdecken, Erschließen, Bestimmen und Fragen nach Sein ist wahre Wissenschaft.“

 

Zu Big Data

Wenn mehr Rechenkapazitäten und Big Data nur mehr Zahlen, mehr sinnlose Zahlen, eine Anhäufung irrelevanter Daten und Materialhuberei bringen, aber keine neuen Fragen, dann bleibt empirische Sozialwissenschaft meist leider ein Zeitvertreib für Dilettanten, der keine Erkenntnisse bringt, sondern nur Entscheidungen entscheidungsschwacher Entscheider absichern soll. Das geistfreie Ansammeln von irrelevantem Material halte ich gegenwärtig für die größte Gefahr, wenn ich mir Meinungsumfragen von beispielsweise Lazarsfeld ansehe.

Wissenschaft, so wie ich sie verstehe, verwendet das sokratische Verfahren kritischer Klärung. Jede Wissenschaft beginnt mit der Kunst, die richtigen Fragen zu stellen. Dass die Wissenschaft nicht denkt, wie das berühmte Bonmot von Heidegger besagt, gilt also nur für die auftraggeberorientierte Forschung. 

 

Was kritisierst Du am Libertarismus und wie beurteilst Du insbesondere den Weg Mileis in Argentinien?

Marktliberale beanspruchen für sich die Befugnis, Theorien über „die Gesellschaft“ als Ganzes aufzustellen und anderen die eigenen Auffassungen durch ein nahezu totalitäres politisches Projekt aufzuzwingen. Jede ontologische Unterscheidung zwischen Markt und Leben wird verneint und alle marktkritischen Positionen werden bekämpft.

Die Wirtschaft wird als einzig akzeptable Instanz für Wahrheit und Erkenntnis monadisiert, wobei nur der Markt selbst – als Schiedsrichter über Politik und Menschen – von seinem Urteilsspruch ausgenommen wird, weil er immer eine Lösung parat hat; als „spontane Ordnung“ (Hayek) und mithilfe von „schöpferischer Zerstörung“ (Schumpeter) tritt er als monolithische, unhinterfragbare Entität mit dem Anspruch auf Autorität auf.

Dieses reduktionistische Menschenbild hat zur schleichenden Kommodifizierung von früher marktfreien Zonen wie Erziehung, Bildung und Umweltschutz geführt.

Märkte gelten in der Politik der Zwanziger Jahre wieder als „zeitlose Wesen mit zeitlosen Gesetzen“ und „Urbilder“. 

 

Zum Liberalismus

Der Liberalismus ist wie der Sozialismus ein rein materialistisches Weltbild. Wo aber Metaphysik, Götter, Kultur und Geist verneint werden, ist alles Leben langweilig. Denn der Mensch lebt nun mal nicht vom Brot allein. 

Das erste Prinzip des Liberalismus, dass alle Werte solche des Individuums sind, ist und bleibt in sich falsch, da dadurch sittlich-religiöse Grenzen aufgelöst werden. Nur das philosophische und religiöse Wissen, dass der Mensch Gott mehr gehorchen muss als den Menschen, kann diesen modernen Irrweg umkehren. 

Zweitens hat der Liberalismus einen erkenntnistheoretisch blinden Fleck, denn Ernst Jünger in seinem Tagebuch luzide festgehalten hat: Wo der Liberalismus seine äußersten Grenzen erreicht, schließt er den Mördern die Türe auf. Das ist Gesetz.

 

Was macht den britischen Philosophen Sir Roger Scruton so faszinierend?

Der britische Philosoph Roger Scruton hat die feindliche Unterwanderung ergebnisoffenen Denkens in der Wissenschaft zugunsten einer identitätspolitischen Agenda in seinem Buch „Narren, Schwindler. Unruhestifter. Linke Denker des 20. Jahrhunderts“ schön analysiert und zeigt, wie dieses Denken Wissenschaft, Alltag und politische Debatte gleichermaßen beeinflusst und verändert hat.

Aktivistisches Denken reduziert Kämpfe um (soziale) Gerechtigkeit: als Wahl zwischen Gut und Böse inszeniert. Dieses simple Schwarz-Weiß-Denken bedient ein Freund-Feind-Schema, wo Gesinnung, Haltung und ein manichäisches Weltbild das ergebnisoffene Streben nach Wahrheit ersetzen. Es endet wie im Falle von Greta Thunberg nicht selten in Verschwörungstheorien, eschatologischen Untergangsfantasien und eliminatorischem Antisemitismus.

Und Scruton hat seinen Lesern immer wieder schöne Sätze geschenkt, über die man trefflich nachdenken kann. Wenn alles, was die westliche Zivilisation anbietet, Freiheit ist, dann ist sie eine Zivilisation, die auf ihre eigene Zerstörung ausgerichtet ist.

 

Wie gestaltet sich der historische Liberalkonservatismus in der Tradition von Edmund Burke heute?

Wer etwas verändern will, muss auch zeigen, dass die Veränderung eine Verbesserung ist. Nicht jede Veränderung ist automatisch eine Verbesserung. Daher ist gegenüber Veränderungen und Reformen immer Vorsicht angesagt: Müssen sie wirklich und müssen sie so sein? Sind die Gründe für die Veränderungen schlüssiger und zwingender als die für das Konservieren?

Edmund Burke ist deshalb notwendig, weil er als Gegenmittel gegen die Verführung des Utopischen wirkt. Mit seiner Verweigerung jedes Fanatismus und jeder Einseitigkeit, die auf nicht einlösbaren Zukunftsversprechen beruhen, hilft er jedem von uns, seinem Drang nach politischer Romantik aka Endlösungen in der Tradition von Novalis und eines Robespierre in sich nicht nachzugeben.

 

Warum zählen Leo Strauss und Eric Voegelin für Dich in Fragen von Politik, Religion und Wissenschaft zu den wegweisenden Denkern des 20. Jahrhunderts?

 

Strauss und Voegelin sind Vertreter der normativ ontologischen Theorie, einer Denkrichtung, die gegen den empirischen Reduktionismus und die Materialhuberei der modernen Sozialwissenschaft angetreten ist, um das Menschliche zu bewahren.

 

So unterschiedlich Strauss und Voegelin auch sind: Von ihnen bekommt man anregende Anleitungen zum eigenständigen Denken. Sie erinnern in ihren Werken an den Schatz der europäischen Geistesgeschichte. Voegelin zeigt in seiner Einführung „die neue Lehre der Politikwissenschaft“, warum sich ehrgeizige Studierende zu Recht angeekelt von der „empirischen Kehre Sozialwissenschaft“ abwenden. In den meisten Fällen ist Empirie keine Wissenschaft, sondern die Fortsetzung des Erbsenzählens mit Statistikprogrammen. 

Leo Strauss erinnert in seinem Werk an die Notwendigkeit des Naturrechts, d.h. die philosophische Frage nach dem Guten für die menschliche Gemeinschaft. Gegen Relativismus und Nihilismus stellt er die Orientierung an den bleibenden Wahrheiten über die menschliche Natur. Zur Sicherung der freiheitlichen Demokratie nutzt Strauss das Wissen um die Schwächen der Demokratie, die von ihren Feinden klar gesehen wurden.

Freiheit darf nicht zügellos sein, wie das Gesetz nicht unterdrückerisch werden darf. Zweitens lädt er ein, die Werke von Platon, Lessing, Hobbes, Maimonides und andere kanonische Klassiker neu zu entdecken und wieder sorgfältig zu lesen.

 

Welche Gefahren dräuen mit dem Transhumanismus?

Ich halte alle drei Grundannahmen des Transhumanismus für falsch und verheerend:

1. Die Wirklichkeit ist die Totalität aller Information. 

2. Menschen sind Informationsobjekte. 

3. Künstliche Intelligenz ist Intelligenz im menschlichen Sinne.

Die leichtere Verfügbarkeit von Daten veränderte die Produktion, Logistik, Distribution und den Konsum in den westlichen Marktwirtschaften gleichermaßen. Der Begriff „Computational Turn“ beschreibt die zunehmende Messbarkeit aller menschlichen Tätigkeiten und ihre Transformation in quantifizierbare Daten: „Big Data“ steht nicht nur für neue quantitative und qualitative Datenanalyse auf Grundlage der exponentiell ansteigenden Speicher- und Auswertungskapazitäten, sondern auch für das Versprechen, neue Erkenntnisse über den Menschen zu gewinnen.

 

Zu Monopolbildungen

Aufgrund der allumfassenden Digitalisierung von Inhalten und deren Transfer in die Neuen Medien stellt sich die Frage, wer diese Informationen verteilt und mit diesen Inhalten die Weltbilder prägt. Der Besitz von Informationen und (neuen) medialen Formaten bedeutet digitale Macht. Zunehmend haben sich global agierende Monopolisten etabliert. Digitale Monopolisten wie Google, Apple und Facebook verändern und prägen unsere Wahrnehmung. Die Macht dieser Informationskonzerne ist groß. Die IT-Konzerne Apple, Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla werden an der Börse auch die Glorreichen Sieben genannt und gelten als weltweit mächtigste Unternehmen. Diese US-Konzerne sind nicht nur Marktführer in ihren jeweiligen Branchen; sie dominieren mit einem Anteil von rund 30 % auch den S&P 500 Aktienindex, der die Aktien der 500 größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen umfasst. Sie produzieren, selektieren und framen Inhalte und Unterhaltungsformate. Sie bestimmen, was Thema und Inhalt wird, entscheiden über die Platzierung von Suchergebnissen, sammeln persönliche Daten und vermarkten Benutzerprofile.

 

Zur Herausforderung für Konservative

Die disruptiven Entwicklungen der IT-Monopolisten haben unseren Alltag und unsere demokratischen Usancen unwiederbringlich verändert: Aus der vollständig getrackten digitalen Welt gibt es kaum mehr Fluchtmöglichkeiten. Wirklichkeit und Wahrheit werden von vielen Bürgerinnen und Bürgern gegenwärtig vollständig individualisiert, sind also nicht mehr kommunizierbar oder universell – und damit banal. In der Zähmung und Umkehrung dieser digitalen Logik liegt wohl die zentrale Herausforderung für Konservative, die mehr wollen, als nur den Verfall der guten Sitten zu beklagen. 

 

Zur „kalifornischen Ideologie“

Die „kalifornische Ideologie“ und der Transhumanismus sind eine verstörende Mischung aus Kybernetik, Technikgläubigkeit, Markt-Propaganda und libertären Versatzstücken der Gegenkultur der 1960er-Jahre: Behauptet werden emanzipatorische Effekte und eine Erlösung durch Technologie.

Das Ziel von Milliardären wie Elon Musk und Peter Thiel ist klar: eine spirituell unterfütterte, anarcho-kapitalistische Weltherrschaft der USA und eine unbedingte Durchsetzung digitaler Distributions- und Berechnungstechnologien. Technologieprediger wie Elon Musk, der eine Kolonialisierung des Mars ernsthaft für lebenswert hält, agieren losgelöst von Mächten, Regeln und Strukturen und wollen entkoppelt von Raum und Zeit Geschäfte machen.

Dem Anspruch, ein besseres Gemeinwesen als Staaten und Regierungen planen und gestalten zu wollen, stehen in der Realität Intransparenz und Steuervermeidung und beutelschneiderische Monetarisierungsmodelle wie üppige und monatlich zu zahlende Streaming- und Nutzergebühren gegenüber. 

 

 

POPULÄRKULTUR

 

Am Beispiel der slowenischen Band Laibach und des Philosophen Slavoj Žižek: Der dort und da von (linken) Kulturtheoretikern gegenüber der Gruppe geäußerte Faschismus-Verdacht wird gerne, etwa von Žižek, mit dem Konzept der Überaffirmation entkräftet. Aber geht das nicht am eigentlichen Charakter der Spectaculums vorbei? – denn bombastische Shows liefert die Band zweifelsohne.

 

Ich halte das Konzept der Überaffirmation für einen groben Unfug des Scharlatans Diedrich Diederichsen aus den 1980er Jahren. Wenn Affirmation, dann mit dem alten englischen Traum, die Hitparade zu verbessern wie das Human League gemacht haben.

Was Laibach mit Life is Life geleistet haben, war eine Coverversion, die das Original bei weitem überragt hat.

Überaffirmation und Ironie sind aber Sackgassen in der Popkultur, wie auch der völlig verunglückte Song Im Rausch der Zeit des Projekts Hyäne Fischer belegt, wo ja auch mit Laibach-Versatzstücken gearbeitet wurde. 

Das Konzept der Doppelcodierung fand ich immer eine faule Ausrede, sich zu positionieren und Haltung zu zeigen. Ich mag einfachen, schnörkellosen und aufrichtigen Pop lieber, den man nicht mit kulturindustriellem Kitsch verwechseln sollte. Ich mochte den unschuldigen Pop immer lieber als den intellektuellen. 

Ich stimme Elijah Walds These unbedingt zu, dass die Sechziger Jahre den Rock 'n' Roll zerstört haben.

Auch im Rap fühle ich mich mehr dem Beat und dem Tanz verpflichteten Südstaatenrap verpflichtet als den selbernannten Conscious-Rappern. „Stay fly“, wie der Song der Three 6 Mafia so nüchtern rät, ist eine eminent politische Ansage, zumindest in meiner kleinen Welt.

 

Welche popkulturellen Phänomene haben Dich zuletzt beschäftigt?

Was mich fasziniert, ist die Stagnation des Pop seit 20 Jahren. Pop-Experten wie Oliver Tepel diskutieren ernsthaft die These, ob der große Popsong nicht eine Kunstform des 20. Jahrhunderts war. Die Produktion mit Digital Audio Workstations hat zu Überproduktion und formelhafter Langeweile geführt. Die letzten Frischzellenkuren waren Memphis Rap, Bounce, DJ Srew, DJ Rashad (Chicago Footwork) und Chief Keef (Drill), was aber auch schon wieder länger her ist. 

Ich träume ernsthaft von einer Post 808 Drumcomputer Ära. Die Patterns dieser japanischen Klangerzeuger sind doch schon ziemlich ausgereizt und das meiste langweilt mich. 

Persönlich erlebe ich die Popkultur als Vater gänzlich neu. Mir fällt auf, dass die Kinder heute viele Banger über Videospiele, TikTok Dance Challenges und über YouTube mitbekommen. Der aktuelle Lieblingshit meines 10-jährigen Sohnes ist „Konto leer“ von Alphastein feat. Schmockyyy und muss irgendwas mit dem Computerspiel Mine Craft zu tun haben. Ich finde den Song gut, weil er jede Kinderparty zum Ausrasten bringt oder eskaliert, wie es die Kinder heute nennen. 

Aktuell höre ich gerne RnB Artists wie SZA und singende Rapper wie Young Thug, Dugg 42, Kodak Black et altera recht gerne, muss aber sagen, dass man in den Billboard Charts von hundert produzierten Songs 99 gleich wieder vergessen kann. Es wird zu viel und vor allem zu viel Durchschnitt produziert.

 

Zuletzt: Was gibt uns Hoffnung? Was kann uns, Österreich und Europa noch retten?

… die Abwahl Annalena Baerbocks und Robert Habecks, deren disruptives Vermächtnis man wohl nur mit dem Wüten der Protagonisten in Akira Kurosawas Meisterwerk Ran angemessen beschreiben kann.

Diese politischen Amtsträger verkörperten pars pro toto die völlige Verwahrlosung des deutschen Geistes. Nach dieser Stunde Null können durch eine Totalreform – oder besser gesagt: eine Wiederherstellung – des Bildungswesens wieder die Schätze der europäischen Tradition und unseres Kanons geborgen werden. Dabei muss immer und unbedingt dem Satz Maria Montessoris gefolgt werden: Jedes Kind ein griechischer Gott. 

 

 

ZUR PERSON 

Zu Dr. Christian Moser-Sollmanns Studien zählten Publizistik, Politikwissenschaft, Philosophie, sowie Rechts- und Kulturwissenschaften in Wien und London. Als Student war er wissenschaftlich tätig, auch als Journalist, u.a. für FM4.

2001 promovierte Moser-Sollmann beim Philosophen Konrad Paul Liessmann, beim Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Langenbucher und beim Kulturwissenschaftler Johannes Domsich mit einer Studie zur Ästhetik der Popkultur.

In den Nullerjahren hatte er einen Lehrauftrag an der Universität Wien; zwischen 2009 und 2019 arbeitete er als Geschäftsführer des Friedrich Funder Instituts für Publizistik und Medienforschung. Heute ist Dr. Christian Moser-Sollmann am Campus Tivoli in der Abteilung Werte und Wissenschaft tätig.