
Hannes Hofbauers „Im Wirtschaftskrieg“ zeigt, dass die Sanktionspolitik des Westens gegen Russland nicht nur kontraproduktiv, sondern sogar schädlich für die EU und ihre Demokratien sind.
„Washington und Brüssel haben im März 2014 damit begonnen, russische Bürger und Firmen auf schwarze Listen zu setzen. Was anfangs als Bestrafung für die Abspaltung der Krim von der Ukraine gedacht war, wurde später mit der Durchsetzung westlicher Werte argumentiert.“
Und dann kommt Hofbauers zentraler Satz: „Seit 2022 befindet sich der Westen im großen Wirtschaftskrieg mit Russland.“
Mit dem gleichnamigen Titel „Im Wirtschaftskrieg. Die Sanktionspolitik des Westens und ihre Folgen“ legt der Historiker Hannes Hofbauer genau das Buch vor, möchte man verstehen, wie sich „der Westen“ mit seinem Sanktionsregime sprichwörtlich ins eigene Knie geschossen hat.
Höchst an der Zeit
Mit seinem verdienten Pro Media Verlag an der schönen Adresse Rotenlöwengasse lebt und arbeitet der Verlagsleiter Hofbauer quasi in meiner persönlichen Nachbarschaft, in „meinem 9. Bezirk“.
Der studierte Wirtschafts- und Sozialgeschichtler hat zum Thema bereits 2016 „Feindbild Russland. Geschichte einer Dämonisierung“ vorgelegt, auch der Titel „Zensur. Publikationsverbote im Spiegel der Geschichte“ verspricht tiefschürfende Einblicke und Erkenntnisse. Kurzum: Es ist höchst an der Zeit, dass ich mich – beginnend mit diesem Buch – mit den Arbeiten Hofbauers intensiver beschäftige. Das vorliegende Buch allein ist es allemal wert – wertvolle Lese- und also auch Lebenszeit ist hier gut investiert: im Vergleich zu schwafelnden Kollegen hat Hofbauer nämlich etwas zu sagen – und er sagt es prägnant und verständlich.
Es waren die Amerikaner!
„Einfrieren, Beschlagnahmen und Diebstahl russischen Eigentums sind zu einer gängigen Praxis geworden. Moskau reagiert entsprechend. In der Welt außerhalb der transatlantischen Blase kann man einen Vertrauensverlust in die von Washington und Brüssel dominierten Institutionen beobachten. Eine Entwestlichung des eurasischen Raumes und des Globalen Südens ist die Folge.“
Worum es wirklich geht, macht Hofbauer eindeutig klar: „Im Jahr 2013 nahmen die EU-Staaten 51 % der russischen Exporte ab und waren für 36 % der Importe nach Russland zuständig. Die Vergleichszahlen der USA lauteten 2,5 bzw. 4,8 %.“ (S. 87)
Im Folgenden seien kursorisch interessante Gedanken und Argumente Hofbauers verzeichnet.
Nord-Stream und die Schändung russischer Denkmäler
Zu Nord-Stream erklärt Hofbauer: „Am 26. September 2022 explodierten vier Sprengladungen nahe der dänischen Insel Bornholm in der Nordsee. Sie waren unter Wasser an den Erdgas-führenden Leitungen der Nord-Stream-Pipelines angebracht worden. Der Anschlag auf die deutsch-russische Energiepartnerschaft sah einen klaren Gewinner: die USA. Wer einen Blick zurück in die jahrzehntelange US-Blockadepolitik gegen den Aufbau deutsch-russischer Erdgas- und Erdölprojekte wirft, der kann die Debatte darüber, wer den Terroranschlag verübt hat, nur als Heuchelei empfinden.“ (S. 53)
Starker Tobak auch dies: „Mit der Bestellung der estnischen Ministerpräsidentin Caja Kallas zur EU-Außenbeauftragten im Juli 2024 signalisierte Brüssel dann endgültig, mit Moskau nicht mehr reden zu wollen. Kallas steht wegen der Schändung von sowjetischen Befreiungsdenkmälern in ihrer Heimat Estland auf einer russischen Fahndungsliste.“ (S. 86) Stellen wir uns an dieser Stelle doch einfach die Frage: Was würde passieren, wenn ein österreichischer Kanzler – wie auch immer dieser heißt – die Schleifung des „Russendenkmals“ am Schwarzenbergplatz anordnen würde.
Zur Krim-Frage ruft uns Hofbauer in Erinnerung: „Die Krim-Frage, deretwegen letztlich die ersten Sanktionspakete geschnürt worden waren, entschied sich mittels Referendum am 16. März 2014: 95,5 % der Krim-BewohnerInnen votierten für eine Wiedervereinigung mit der Russländischen Föderation.“ (S. 86)
Und Österreich?
Stichwort RBI und Strabag: Oleg Deripaska landete im Februar 2022 auf der EU-Sanktionsliste: „Dies ist insofern interessant, weil er einer den wenigen Ultrareichen war, wenn nicht der einzige, der sich gegen Putins Krieg ausgesprochen hatte.“ Washington und Brüssel seien eben darauf erpicht, einen Konkurrenten am Weltmarkt – Deripaska ist ein Bau- und Aluminium-Tycoon – loszuwerden.
Der Historiker zitiert den österreichischen Parade-Unternehmer Hans Peter Haselsteiner, der mit seinem Baukonzern Strabag in halb Europa tätig ist – die Sanktionen seien „wirkungslos“. Und sie treffen die Falschen. Haselsteiner in einem Interview in der Tageszeitung Die Presse vom 21. September 2017: „Wir Europäer machen hier die Politik der Amerikaner. Dass der Ausgleich mit Russland nicht gelungen ist, ist eine Niederlage meiner Generation. Europa ist auch heute noch ein geteilter Kontinent, denn Russland ist Europa. So traurig es ist, dass die Briten Europa verlassen, so traurig ist es, dass die Russen nie dazu gehört haben.“
Hannes Hofbauer schreibt zuletzt auch Österreich ins Stammbuch: „Sanktionen untergraben die Neutralität.“
Mein Fazit: ich werde Hofbauer-Bücher nachlesen – seine argumentatorische Stärke ist bestechend.