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Slowenischer Philosoph Slavoj Žižek und Laibach als Ende der Geschichte?

Von der „eigentlichen Mitte“ 

 

Was früher als „der Osten“ firmierte, wird vom Historiker Martyn Rady quasi zurechtgerückt – und zwar: in die Mitte. Lesen Sie im Folgenden, was das mit dem slowenischen Philosophen Slavoj Žižek und Laibach, einer meiner Lieblingsbands, zu tun hat.

 

Konkret politisch wird es erst im Schlusssatz – davor ist das Buch tatsächlich, da bin ich mit Ivan Krastev, der im Klappentext ein Testimonial abgibt, „populärwissenschaftliche Geschichte vom Feinsten“. 

Die Rede ist von Martyn Radys Großleistung „Vom Rhein bis zu den Karpaten“. Das Opus magnum des Emeritus des University College London, wo er den Masaryk-Lehrstuhl innehatte, heißt im Original „The Middle Kingdoms: A New History of Central Europe“ und verspricht somit nichts weniger als „eine neue Geschichte Mitteleuropas“.

Götz Kubitschek bemäkelte in der Sezession 123 (Dezember 2024): „Man liest nicht ungern, nur immer latent gereizt, will deutlich mehr erfahren und wird, um vertiefen zu können, ins Internet wechseln oder zu einem anderen Buch greifen müssen.“

Darin ist Kubitschek beizupflichten, der sog. „Bauernkrieg“ etwa wird von Rady gar nur in einem Halbsatz abgehandelt – zum 500-Jahr-Jubiläum sind schon (mehr oder weniger tiefschürfende) Novitäten erschienen, besonders möchte ich auf den von Bahoe-Books publizierten Comic-Band „1525 – Der Aufstand“ verweisen: Giulio Camagni hat die einschlägige Literatur aufgesogen, und, so sagte er in seiner Erstpräsentation in der Wiener Hauptbibliothek, sich vor allem an Friedrich Engels historischen Abriss „Der deutsche Bauernkrieg“ gehalten.

Ob Kubitschek wohl bis zum Schlusssatz Radys, in dessen doch beachtlichen 700-Seiten-Wälzer, vorgedrungen ist? Da heißt es nämlich:

 

„Für solche Eindringlinge (aus dem Osten: etwa Hunnen, Awaren, Mongolen, osmanische Türken, Kosaken, Krimtataren usw.; Anm.) hatten die mittelalterlichen Geschichtsscheiber einen eigenen Namen und Erklärungsansatz – es waren ,Hundemenschen‘, die aus dem Kaukasus entkommen waren, wo sie Alexander der Große einst eingeschlossen hatte. Die heutigen Hundemenschen mögen keine Schnauzen und Schwänze mehr haben wie diese Phantasiegestalten von früher, aber mit ihren Raketenwerfern, Panzern und Drohnen sind sie genauso schrecklich und nicht minder gefährlich für die europäischen Ideale, die im Evangeliar Kaiser Ottos III. erstmals aufschienen.“

 

„Die eigentliche Mitte“

 

Zentrale Aussage des Historikers (Jahrgang 1955), der schon mit seinem Buch „Die Habsburger. Aufstieg und Fall einer Weltmacht“ für einige Aufmerksamkeit sorgte: Das, was bis vor kurzem noch als „der Osten“ galt, ist eigentlich „die Mitte“ – also: Europas.

Weiters: Das, was in Business-Kreisen heute als CEE (Central and Eastern Europe) firmiert, ist – neben den „Resten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ selbstverständlich – die eigentliche Mitte Europas. 

Im Schlusskapitel wird gehörig kondensiert, beispielsweise an dieser Stelle:

 

„In der Kunst und Architektur der Renaissance zum Beispiel verschmolz Mitteleuropa den italienischen mit dem gotischen Stil des Nordens und unterlegte ihn mit einer tiefgründigen Spiritualität.“ (S. 636)

 

Žižek und Laibach

 

Anhand des 34. Kapitels, des letzten Kapitels, soll gezeigt werden, dass Rady ein mitunter eigentümliches Verständnis hat, was zum Kanon gehören mag. Gedacht als (vorläufigen) Letztstand der mitteleuropäischen Geschichte, betitelt der Historiker dieses Kapitel mit dem Signet „Postkommunismus“ – um dann auf eine sehr popkulturelle (vermeintliche?) Nische zu sprechen zu kommen: „Slavoj Žižek und was uns "Laibach sagen will“ lautet da also der Untertitel.

Oh, Laibach!, die ich zu meinen Lieblingsbands zählen darf. Wie entzückend, wie possierlich! Ob es sich wohl gelohnt hat, mehr als 600 Seiten hinter mich gebracht zu haben? Plötzlich heißt es also:

 

„Laibach lässt sich vielleicht ganz gut als eine Art Aufeinandertreffen von Freddie Mercury und dem Nazi-Kino von Leni Riefenstahl beschreiben.“ (S. 620) 

 

Hä? Lassen wir das mal so stehen.

Rady erinnert an den Auftritt der Band in der Turbinenhalle der Tate Modern in London anno 2012. Gleichzeitig war in diesem Riesenraum Damien Hursts „For the Love of God“ zu sehen, ein über und über mit Diamanten besetzter Platinschädel, der Teil der Hurst-Ausstellung im Museum war.

 

„In der Mitte der Bühne war Laibachs Markenzeichen aufgebaut, ein Hirschgeweih. Die Gegenüberstellung der beiden Objekte war Zufall, aber sie kann als Symbol für den heutigen Zustand Mitteleuropas gelten: auf der einen Seite das glitzernde, aber im Grunde hohle Versprechen des "Überflusskapitalismus", wie ihn Slavoj Žižek nennt; auf der anderen ein Totem des archaischen Lebens, das Instinkten und Stammesdenken verhaftet ist.“ (S. 633)

 

Es ziehen Wolken auf

 

Laibach und Žižek begehren schon lange gegen die „Tyrannei des globalen Kapitalismus“ auf, so Rady, allerdings ohne zu benennen, was an seine Stelle treten sollte, wann und wie.

 

„Momentan wirken die Mitteleuropäer ein wenig wie übrig gebliebene eifrige Kunden, die sich in den Marmor-Einkaufszentren des globalen Kapitalismus tummeln. Das mag (hoffentlich) noch lange so weitergehen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass sie stattdessen plötzlich anfangen, Tocqueville und Solschenizyn zu lesen, ist gering – und so könnten sich auch um einiges dunklere Triebe Bahn brechen als das Vergnügen, auf Schnäppchenjagd zu gehen.“

 

Diese Besprechung am Tage der Amtseinführung, am 20. Jänner 2025, am Tag der Inauguration Donald Trumps zum 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten geschrieben habend, darf man doch einigermaßen dankbar sein, dass es am Alten Kontinent noch Vertreter eines gesunden Pessimismus gibt. Ihnen gehört wahrscheinlich die Zukunft – und ihre Clairvoyance sieht wohl nicht umsonst dunkle Schatten auf das nunmehr neujustierte Mitteleuropa heraufziehen.